Interview mit Dr. Mathias Henneberg

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin bei 123Can

svenja von jiroo

Interview geführt von Svenja

Svenja ist Spezialistin für Online-Marketing mit besonderem Fokus auf medizinisches Cannabis. Mit ihrer Expertise an der Schnittstelle zwischen Digitalstrategie und Gesundheitskommunikation sorgt sie dafür, dass Patienten und Patientinnen verlässliche Informationen und digitale Services rund um Cannabis auf Rezept finden.

Lesezeit 16min

Das Wichtigste auf einen Blick

  1. 1. Einstieg in die Cannabis-Therapie

  2. 2. Studienlage und geschlechtsspezifische Unterschiede

  3. 3. Medizinisches Cannabis bei frauenspezifischen Erkrankungen

  4. 4. Besonderheiten bei Frauen in der Therapie

  5. 5. Blick in die Zukunft

Medizinisches Cannabis rückt zunehmend in den Fokus der Frauengesundheit. Wir sprechen heute mit Dr. Mathias Henneberg, Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, der sich auf die Therapie mit medizinischem Cannabis spezialisiert hat. Er berät Patientinnen sowohl telemedizinisch über 123Can als auch persönlich in seiner Berliner Sprechstunde.

Im Interview geht es um Studienlage, Frauengesundheit, praktische Therapieerfahrungen und die Zukunft der Cannabis-Behandlung.

Einstieg in die Cannabis-Therapie

Svenja:
Herr Dr. Henneberg, vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit nehmen. Sie arbeiten als Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin und haben sich im November 2023 auf die Verschreibung von medizinischem Cannabis spezialisiert. Was hat Sie motiviert, diesen Weg zu gehen und sich gerade auch für die Bedürfnisse von Frauen stark zu machen?

Dr. Henneberg:
Ich freue mich sehr über dieses Gespräch. In der Anästhesiologie und Intensivmedizin habe ich viele Patientinnen und Patienten mit komplexen Schmerzsyndromen erlebt. Viele hatten bereits zahlreiche Therapieversuche hinter sich.  Damals hat Cannabis allerdings noch keine Rolle gespielt.

Nach meinem Renteneintritt hatte ich zum ersten Mal die Möglichkeit, mich intensiv mit dieser Therapieform zu beschäftigen. Ich habe gesehen, welche Chancen sie bietet, gerade für Menschen, die bereits zahlreiche Behandlungsversuche hinter sich haben und sich eine besser verträgliche oder ergänzende Option wünschen.

Frauen sind in der Medizin oft unterrepräsentiert und haben teilweise andere Beschwerdebilder. Umso wichtiger ist es, individuelle Lösungen zu entwickeln. Das persönliche Gespräch in Berlin ergänzt die telemedizinische Beratung hervorragend und gibt Patientinnen die Sicherheit, dass sie langfristig einen verlässlichen Ansprechpartner haben

Studienlage und geschlechtsspezifische Unterschiede

Svenja:
Was wissen wir heute über geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Wirkung und Verträglichkeit von medizinischem Cannabis?

Dr. Henneberg:
Die Forschung entwickelt sich, aber wir stehen noch am Anfang. Einige Studien zeigen, dass Frauen empfindlicher auf Tetrahydrocannabinol (Anm. THC) reagieren könnten. Sie berichten häufiger von Nebenwirkungen bei gleicher Dosis.
Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze wie zum Beispiel hormonelle Einflüsse auf das Endocannabinoid-System oder Unterschiede in der Körperzusammensetzung.
Für meine Praxis bedeutet das, dass ich bei Frauen besonders vorsichtig und individuell dosiere. Ich sage gern: Wir tasten uns lieber sanft heran, als über das Ziel hinauszuschießen.

Svenja:
In manchen Untersuchungen geben Frauen mehr unerwünschte Nebenwirkungen an als Männer. Wie gehen Sie damit um?

Dr. Henneberg:
Das ist korrekt. Deshalb beginnt jede Therapie bei mir mit einer ausführlichen Anamnese. Ich arbeite mit dem Prinzip niedrige Anfangsdosis und langsame Steigerung.
Frauen nehmen im Durchschnitt mehr parallel laufende Medikamente ein und haben häufiger zyklusabhängige Beschwerden. All das berücksichtigen wir. Die meisten Nebenwirkungen sind gut beherrschbar, wenn man frühzeitig reagiert und die Therapie eng begleitet.
Wenn Frauen medizinisches Cannabis stärker spüren, dann liegt das nicht daran, dass sie weniger „hart im Nehmen“ wären — im Gegenteil. Die Biochemie mischt einfach anders.

Svenja:
Beobachten Sie Unterschiede bei den bevorzugten Darreichungsformen?

Dr. Henneberg:

Ja, durchaus. Viele Frauen bevorzugen Cannabisextrakte in Ölform wie Dronabinol, weil die Dosierung sehr präzise möglich ist und sich die Wirkung gut steuern lässt. Auch das Verdampfen im Vaporizer ist beliebt, wenn eine schnell einsetzende Wirkung benötigt wird.
Interessant ist außerdem, dass Edibles – also essbare Cannabisprodukte – besonders häufig von Frauen nachgefragt werden. Das liegt unter anderem daran, dass sie sehr diskret anzuwenden sind, keinen Geruch erzeugen und für viele Patientinnen deutlich alltagstauglicher wirken. Medizinisch macht das durchaus Sinn: Die Wirkung setzt zwar später ein, hält dafür aber oft länger an, was gerade bei zyklusbedingten oder chronischen Beschwerden als angenehm empfunden wird. Zudem entfällt die Belastung der Atemwege, was manche Patientinnen ausdrücklich als Vorteil sehen.
Topische Produkte, also äußerliche Anwendungen, kommen vor allem bei lokalen Beschwerden zum Einsatz und werden ebenfalls gut angenommen.
Frauen gehen insgesamt reflektiert und vorsichtig an das Thema heran, was die Therapie oft sehr strukturiert und gut nachvollziehbar macht.

Medizinisches Cannabis bei frauenspezifischen Erkrankungen

Svenja:
Welche Erkrankungen oder Beschwerden betreffen Frauen besonders stark und wo kann medizinisches Cannabis eine Rolle spielen?

Dr. Henneberg:
Medizinisches Cannabis ist kein Allheilmittel, aber es kann ein hilfreicher Therapiebaustein sein, insbesondere bei chronischen Beschwerden. Dazu gehören zum Beispiel Endometriose, myofasziale Beckenbodenschmerzen, Migräne, Schlafstörungen oder Begleitbeschwerden in den Wechseljahren.
Die Studienlage ist nicht in allen Bereichen gut ausgebaut. Dennoch berichten viele Patientinnen, dass sie von einer individuell dosierten Therapie profitieren.

Svenja:
Wie sind Ihre Erfahrungen mit Patientinnen, die an Endometriose leiden?

Dr. Henneberg:
Endometriose ist eine schwere chronische Erkrankung, die oft unterschätzt wird. Viele Betroffene kommen nach jahrelangen Beschwerden zu uns.
Cannabis kann bei einzelnen Patientinnen helfen, Schmerzen besser zu tolerieren oder den Schlaf zu verbessern. Es ersetzt keine multimodale Therapie, kann aber ergänzend entlasten. Entscheidend ist eine realistische Erwartungshaltung und eine gute ärztliche Begleitung.

Svenja: Viele Frauen leiden am Polyzystischen Ovarialsyndrom. Welche Rolle kann medizinisches Cannabis bei PCOS spielen und welche Beschwerden stehen dabei im Vordergrund?

Dr. Henneberg:
PCOS ist in erster Linie eine hormonelle und metabolische Erkrankung. Cannabis greift nicht in die hormonelle Ursache ein. Es kann jedoch bei einzelnen Begleitbeschwerden eine unterstützende Rolle spielen, zum Beispiel bei Schlafstörungen, Schmerzen oder ausgeprägter innerer Unruhe.

Einige Patientinnen berichten, dass sie mit einer vorsichtig dosierten Therapie besser mit Stress, Schlafmangel oder zyklusunabhängigen Beckenschmerzen umgehen können. Wichtig ist, dass medizinisches Cannabis immer ergänzend eingesetzt wird

und nicht als primäre PCOS-Behandlung. Die Basistherapie bleibt weiterhin die Anpassung des Lebensstils, endokrinologische Betreuung und gegebenenfalls medikamentöse Unterstützung.

Svenja:
Viele Frauen leiden regelmäßig unter Beschwerden vor der Periode. Welche Erfahrungen machen Sie mit PMS-Patientinnen und medizinischem Cannabis?

Dr. Henneberg:
Beim Prämenstruellen Syndrom berichten manche Frauen über Gereiztheit, Schlafprobleme, Kopfschmerzen oder Bauchkrämpfe. Cannabis kann bei einzelnen Patientinnen helfen, diese Beschwerden besser zu regulieren, vor allem wenn Schlaf und Muskelspannung eine Rolle spielen.

Ich habe Patientinnen, die niedrig dosierte Extrakte rund um die prämenstruelle Phase einsetzen. Für einige kann das eine Entlastung bringen. Wichtig ist aber auch hier: Wir behandeln Symptome und nicht die Ursache. Und wir stimmen die Dosierung sehr präzise ab, um Überdosierungen zu vermeiden, weil Frauen in dieser Phase manchmal empfindlicher auf Tetrahydrocannabinol (THC) reagieren.

Eine engmaschige Begleitung ist daher sinnvoll, damit die Therapie gut verträglich bleibt.

Svenja:
Wie sehen Sie den Einsatz von Cannabis bei myofaszialen Beckenbodenbeschwerden?

Dr. Henneberg:
Hier spielt die Kombination aus schmerzlindernder und muskelentspannender Wirkung eine Rolle. Wenn Patientinnen nachts vor Schmerzen kaum schlafen oder wenn eine hohe Muskelspannung vorliegt, kann Cannabis unterstützend wirken.
Eine erfolgreiche Behandlung setzt aber immer eine Kombination aus Physiotherapie, Schmerzedukation und individuell angepasster Medikation voraus.

Besonderheiten bei Frauen in der Therapie

Svenja:
Spielen Zyklus, Hormone oder Lebensphasen wie die Wechseljahre für die Therapieplanung eine Rolle?

Dr. Henneberg:
Bei einigen Patientinnen durchaus. Ich frage heute viel genauer nach zyklusabhängigen Beschwerden, Schlafmustern, hormonellen Veränderungen und Begleitmedikationen.
Es ist selten notwendig, die gesamte Therapie zu verändern. Aber manchmal justieren wir Dosierung oder Einnahmeform, um besser auf die Lebenssituation einzugehen. Es geht immer um Feinabstimmung.

Svenja:
Wie stellen Sie sicher, dass eine Behandlung möglichst verträglich bleibt?

Dr. Henneberg:
Mit viel Geduld, enger Abstimmung und einer ausführlichen Aufklärung.
Wir beginnen niedrig, steigern langsam, dokumentieren gründlich und bleiben in regelmäßigen Kontakt. Die meisten Nebenwirkungen lassen sich durch Anpassungen gut beherrschen.

Blick in die Zukunft

Svenja:
Sie bieten zusätzlich zur Videosprechstunde auch persönliche Termine in Berlin an. Warum ist Ihnen das wichtig?

Dr. Henneberg:
Manche Gespräche funktionieren persönlich einfach besser. Gerade bei komplexen Beschwerden oder wenn Patientinnen eine intensivere Begleitung wünschen, ist ein Termin vor Ort hilfreich. Vor allem den Einsatz von sogenannten Vaporizern kann ich in der Praxis vor Ort am anschaulichsten erklären und vorführen.
Und da aktuell mögliche Gesetzesänderungen im Raum stehen, möchte ich meinen Patientinnen die Sicherheit geben, dass sie auch in Zukunft einen festen Ansprechpartner haben, egal ob online oder vor Ort.

Svenja:
Wie können Patientinnen einen Termin buchen und was sollten sie beachten, wenn sie über eine Cannabis-Therapie nachdenken?

Dr. Henneberg:
Termine können direkt über 123Can gebucht werden.
Ich empfehle, möglichst viele Vorbefunde mitzubringen und offen an das Thema heranzugehen. Cannabis ist ein Medikament und sollte sorgfältig eingesetzt werden. Wenn man das berücksichtigt, ist es eine spannende Option für viele Beschwerden.

Svenja:
Was möchten Sie Frauen mitgeben, die neugierig sind, aber unsicher?

Dr. Henneberg:
Informieren Sie sich seriös, sprechen Sie mit einem Arzt, der Erfahrung hat, und lassen Sie sich nicht von Mythen oder Extremmeinungen verunsichern.
Cannabis ist ein Medikament — nicht mehr, nicht weniger.
Richtig angewendet kann es eine wertvolle Option sein.
Und falsch angewendet… nun ja, sagen wir: Es lohnt sich, jemanden zu haben, der Sie durch die Therapie begleitet. Da komme dann ich ins Spiel. (lacht)

Svenja:
Zum Abschluss: Wo sehen Sie das größte Potenzial von medizinischem Cannabis in der Frauengesundheit?

Dr. Henneberg:
Ich sehe Potenzial bei chronischen Schmerzen, Schlafstörungen, Endometriose, hormonellen Übergangsphasen und stressbedingten Beschwerden.
Gleichzeitig wünsche ich mir deutlich mehr Forschung, die Frauen nicht nur am Rand berücksichtigt und mitlaufen lässt, sondern stärker in den Mittelpunkt stellt.
Und mein Rat an unsichere Patientinnen lautet: Lassen Sie sich fundiert beraten und treffen Sie Entscheidungen ohne Druck. Gute Medizin braucht Zeit und Transparenz.

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Unser jiroo-Fazit

Dieses Interview zeigt, wie vielfältig das Einsatzgebiet von medizinischem Cannabis in der Frauengesundheit ist. Gleichzeitig wird deutlich, wie wichtig eine individuelle, eng begleitete Therapie ist. Frauen profitieren besonders von einer Behandlung, die hormonelle Rhythmen, komplexe Schmerzsyndrome und langfristige Belastungen berücksichtigt.

Mit der Kombination aus telemedizinischer Betreuung und persönlicher Sprechstunde bietet 123Can unter Leitung von Dr. Henneberg eine moderne, patientenorientierte Versorgung auf Augenhöhe.

Infos und Quellen:

Termine bei Dr. Mathias Henneberg in Berlin oder per Videosprechstunde können Sie über 123CAN buchen.

So einfach buchen Sie einen Termin bei Dr. Henneberg – Link zum Youtube-Video

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